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Seite an Seite: BDSM, Kink und die Geschichte queerer Befreiung

  • vor 3 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

Die Debatte, die jedes Jahr wiederkehrt

Jeden Sommer, pünktlich zur Pride-Saison, flammt dieselbe Streitfrage wieder auf: Gehören Leder, Latex und sichtbarer Kink auf die Pride? Kritiker:innen verlangen „familienfreundliche" Paraden und werfen der Lederszene vor, der Sache der queeren Gleichberechtigung zu schaden. Befürworter:innen halten dagegen, dass Kink von Anfang an Teil dieser Bewegung war – und dass es gerade die Lederleute waren, die in den dunkelsten Stunden für die Gemeinschaft einstanden.


Was diese Debatte so aufgeladen macht, ist ein verbreiteter Irrtum: die Annahme, die Verbindung von Kink und queerer Identität sei neu, eine Provokation der jüngeren Generation. Tatsächlich ist sie das Gegenteil. Homoerotik und Kink sind in der Geschichte immer wieder gemeinsam aufgetreten – nebeneinander in denselben Räumen, gemeinsam verfolgt von denselben Gesetzen, und sogar von der Wissenschaft in dieselbe Schublade gesteckt. Wer die Geschichte kennt, erkennt: Die heutige Debatte ist nicht der Anfang, sondern die Fortsetzung eines Gesprächs, das so alt ist wie die Pride selbst.


So alt wie die Pride selbst

Die moderne Pride beginnt mit dem Stonewall-Aufstand. In der Nacht zum 28. Juni 1969 stürmte die Polizei das Stonewall Inn in New Yorks Greenwich Village. Anders als bei früheren Razzien wehrten sich die Gäste – die Auseinandersetzungen zogen sich über Tage und veränderten den Charakter des queeren Aktivismus grundlegend (Library of Congress). An vorderster Front standen dabei Menschen, die heute als trans, nicht-binär oder Drag verstanden würden: Marsha P. Johnson, eine selbsterklärte Drag Queen und Aktivistin, war eine der bekanntesten Teilnehmerinnen; gemeinsam mit Sylvia Rivera gründete sie kurz darauf die Street Transvestite Action Revolutionaries (STAR), eine Organisation für obdachlose queere und trans Jugendliche (Smithsonian Institution).


Schon hier zeigt sich, dass die Bewegung von Beginn an um ihre Grenzen rang. Bereits 1973 – nur vier Jahre nach Stonewall – wurden Drag Queens wie Johnson von den Organisator:innen des New Yorker Pride-Marsches ausgeschlossen; sie und Rivera marschierten daraufhin trotzig vor der Parade her (Smithsonian Institution). Im selben Jahr hielt Rivera ihre berühmte „Y'all Better Quiet Down!"-Rede, in der sie der überwiegend weißen, bürgerlichen Schwulenbewegung vorwarf, Sexarbeiter:innen, Inhaftierte und trans Menschen zu vergessen – und dafür ausgebuht wurde (Wikipedia: Sylvia Rivera).


Wenige Jahre später wiederholte sich dasselbe Muster mit dem Kink. Als die lesbische BDSM-Organisation Samois 1978 erstmals bei der San Franciscoer Pride-Parade auftrat, versuchten Ordner:innen, die Gruppe auszuschließen, und Teile des Publikums buhten und beschimpften die Marschierenden (The Exiles). Die Frage „Wer gehört auf die Pride?" wurde also nicht im 21. Jahrhundert erfunden. Sie steht seit den allerersten Jahren im Raum – und sie betraf von Anfang an dieselben Menschen: die queeren, die trans, die kinky.


Ein historischer Schwenk: zwei Themen, die sich seit jeher nahestehen


Um zu verstehen, warum Kink und Homoerotik so eng beieinanderliegen, lohnt ein Blick weit zurück – in eine Zeit, in der beides nicht nur existierte, sondern offen und sogar wertschätzend dargestellt wurde.



Die Etrusker: Homoerotik und Sinnlichkeit ohne Scham

Die Etrusker, jenes Volk, das vor den Römern in Mittelitalien lebte, hinterließen in ihren bemalten Gräbern bei Tarquinia einige der frühesten und freimütigsten erotischen Darstellungen Europas. In der „Tomba dei Tori" (Grab der Stiere), datiert auf etwa 540–520 v. Chr., zeigt ein Fresko zwei erotische Szenen – darunter ausdrücklich zwei Männer beim Geschlechtsverkehr (Wikipedia: Tomb of the Bulls). In der benachbarten „Tomba delle Bighe" (Grab der Wagen) platzierte der Maler unter den Zuschauertribünen eines Wettkampfs gleich mehrere männliche Liebespaare – beiläufig, als selbstverständlicher Teil des prallen Lebens (Uránia-Institut). In anderen Gräbern findet sich ein männliches Paar in einer „ewigen, liebevollen Umarmung", das viele Forschende für ein Liebespaar halten (Visit Tuscany).


Entscheidend ist der Kontext: Diese Bilder waren keine heimliche Pornografie, sondern Grabschmuck. Nach etruskischem Glauben besaßen Darstellungen sexueller Akte eine schützende, lebensbejahende Kraft – ein „Ausbruch von Lebensenergie", der die Mächte des Todes blenden sollte (Uránia-Institut). Griechische Beobachter wie Theopomp berichteten – teils empört, teils fasziniert – über die sexuelle Freizügigkeit der Etrusker und darüber, dass diese sich „nicht schämten", auch gleichgeschlechtliche Vorlieben offen auszuleben (Philip A. Harland, Quellensammlung zu Theopomp). Dieselbe Nekropole von Tarquinia birgt übrigens auch die „Tomba della Fustigazione" (Grab der Geißelung), in der eine erotische Auspeitschungsszene dargestellt ist (Tarquinia Turismo). In ein und derselben Bildwelt fanden also sinnliche Machtspiele und gleichgeschlechtliches Begehren nebeneinander Platz – wertgeschätzt, nicht verdammt.


England: Berkley, die Molly Houses und die räumliche Koexistenz

Ein zweites, besonders gut belegtes Beispiel liefert das England des 18. und 19. Jahrhunderts – diesmal nicht in wertschätzender, sondern in verfolgter Form, was die Parallele zwischen Kink und Homoerotik umso deutlicher macht.

Auf der einen Seite stand eine ausgeprägte, einvernehmliche Flagellationskultur, europaweit so bekannt, dass man sie schlicht „le vice anglais" (das englische Laster) nannte (Wikipedia: Flagellation). Ihre berühmteste Figur war Theresa Berkley (gest. 1836), eine professionelle Domina im Londoner West End. In ihrem Etablissement „The White House" bediente sie zahlende Kunden und konstruierte 1828 den legendären „Berkley Horse", einen verstellbaren Bock, auf dem Klienten zu ihrer eigenen Lust gefesselt und geschlagen wurden (Wikipedia: Theresa Berkley). Es ging nicht um Strafe, sondern um freiwillig gesuchte, bezahlte erotische Praxis – funktional bereits das, was wir heute BDSM nennen.


Auf der anderen Seite, in genau derselben Stadt und Epoche, blühte eine homosexuelle Subkultur in den Molly Houses – Tavernen, Kaffeehäuser und private Räume, in denen Männer Sex und Gemeinschaft mit anderen Männern suchten (Wikipedia: Molly house). Die Forschung beschreibt sie als „die organisierteste Erscheinung der Londoner homosexuellen Subkultur des 18. Jahrhunderts". In Häusern wie dem berüchtigten Mother Clap's (um 1726) trafen sich Dutzende Männer; es gab eigene Rituale, „Hochzeiten", Spitznamen und eine Camp-Kultur, die als früher Vorläufer der Drag-Tradition gilt (Cravats, Crinoline, and Craft).


Beide Welten existierten räumlich und zeitlich nebeneinander, im selben London – und beide teilten dasselbe Schicksal: Verfolgung. „Buggery" (gleichgeschlechtlicher Verkehr) war in England bis 1861 mit dem Tod bedroht (Wikipedia: Molly house); Razzien gegen Molly Houses endeten an den Galgen, etwa nach der Stürmung von Mother Clap's 1726. Die Flagellationsszene wiederum operierte am Rand der Legalität und im Verborgenen. Noch 1889 deckte der Cleveland-Street-Skandal ein Londoner Männerbordell auf, dessen Kundschaft bis in die Aristokratie reichte, und löste eine Verfolgungswelle aus (Wikipedia: Cleveland Street scandal). Gemeinsame Verfolgung schweißt zusammen: Verfemte Sexualitäten suchten dieselben Nischen, dieselben diskreten Räume, denselben Schutz – ein Muster, das sich im 20. Jahrhundert wiederholen sollte.


Krafft-Ebing: in dieselbe Schublade gesteckt

Wie nah sich die beiden Themen in den Augen der damaligen Gesellschaft standen, zeigt nichts deutlicher als die frühe Sexualwissenschaft. Der österreichische Psychiater Richard von Krafft-Ebing prägte in seinem Werk Psychopathia Sexualis (1886) die Begriffe „Sadismus" und „Masochismus" (Wikipedia: Psychopathia Sexualis). Im selben Werk ordnete er Homosexualität in exakt dieselbe diagnostische Kategorie ein wie Sadismus, Masochismus und Fetischismus.

Krafft-Ebing teilte sexuelle „Anomalien" in vier Gruppen; die wichtigste war die „Paraesthesie" – das Begehren des „falschen" Objekts, von ihm als „Perversion" bezeichnet (Encyclopedia.com: Krafft-Ebing). In genau diese Kategorie fielen nebeneinander: Homosexualität (von ihm „konträre Sexualempfindung" genannt), Fetischismus, Sadismus und Masochismus (CHMC Dubai). Die medizinhistorische Forschung bestätigt: Diese vier galten als die zentralen „Perversionen" auf einer abgestuften Skala derselben Krankheitslehre (Medical History, PMC).


Aus der Perspektive der maßgeblichen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts war gleichgeschlechtliches Begehren also genauso „pervers" – genauso „kinky" – wie Sadomasochismus. Homosexualität und Kink standen nicht nur nebeneinander; sie wurden buchstäblich in dieselbe Schublade gesteckt. Diese gemeinsame Stigmatisierung ist historisch folgenreich: Was im 19. Jahrhundert als gemeinsames „Krankheitsbild" zusammengezwungen wurde, fand im 20. Jahrhundert als gemeinsame Befreiungsbewegung wieder zueinander.


Der moderne Lederkult: aus der Verfolgung in die Sichtbarkeit

Die eigentliche moderne Verbindung beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA. Die schwule Lederkultur entstand als kohärente Subkultur in den späten 1940er und in den 1950er Jahren in den großen US-Städten (Wikipedia: Leather subculture). Der Anstoß ist gut dokumentiert: Tausende schwule Soldaten erhielten nach dem Krieg „blue discharges" (unehrenhafte Entlassungen) und ließen sich in den Hafenstädten in entstehenden queeren Vierteln nieder (Wikipedia: Folsom Street Fair). Viele brachten eine Vertrautheit mit Uniform, Hierarchie und Männlichkeit mit, die sich mit erotischer Macht-Inszenierung verband.


1953 lieferte der Film The Wild One mit Marlon Brando in Lederjacke und Bikermütze die ikonische Optik; „butch" auftretende Schwule begannen, diesen Look zu übernehmen (Wikipedia: Folsom Street Fair). Es bildeten sich Institutionen: 1954 entstand in Los Angeles der Satyrs Motorcycle Club, einer der ersten schwulen Motorradclubs; in San Francisco eröffneten ab den frühen 1960ern die ersten Lederbars wie die Tool Box (Wikipedia: Leather subculture). Aus verfolgten Einzelnen wurde eine sichtbare, selbstbewusste Gemeinschaft – eine, in der schwule Identität und Kink von Anfang an untrennbar verwoben waren.


Wie Pride und Kink zusammenwuchsen

Mit der Geburt der Pride 1970 trafen die beiden Stränge – Lederkultur und queere Befreiung – sichtbar aufeinander, und sie blieben verbunden.


Die 1970er gelten als „Goldenes Zeitalter" der Lederkultur (Wikipedia: Leather subculture). 1978 gründeten Pat Califia, Gayle Rubin und weitere Frauen in San Francisco Samois, die erste lesbische BDSM-Organisation der USA, die – trotz Anfeindungen – früh auf der Pride präsent war (The Exiles). 1979 führte der lesbische Motorradclub Dykes on Bikes zum ersten Mal die San Francisco Gay Freedom Day Parade an – eine Tradition, die bis heute fortbesteht (Wikipedia: Leather subculture).


Die entscheidende Bewährungsprobe brachte die AIDS-Krise ab Mitte der 1980er. Die Lederszene wurde besonders hart getroffen – und wurde zugleich zum Rückgrat der Selbsthilfe. Schwule Ledermänner und Lederlesben gehörten zu den ersten und wirksamsten Helfer:innen: Sie leisteten Pflege, Aufklärung und Spendensammlung, als medizinisches Personal sich teils weigerte, Betroffene überhaupt zu berühren (The Pomonan). Lesbische Lederfrauen pflegten oft schwule Ledermänner mit AIDS (Wikipedia: Leather subculture). In diesem Kontext entstand 1984 die Folsom Street Fair, heute das weltweit größte Leder-Event (Folsom Street).


1989, zum 20. Stonewall-Jubiläum, schuf der Aktivist Tony DeBlase die Leather Pride Flag – inspiriert von Gilbert Bakers Regenbogenfahne und damit ein bewusstes Bekenntnis: Die Lederbewegung verstand sich als Teil derselben queeren Befreiung (Schwules Museum Berlin). Die Flagge markierte den Übergang von geheimen Zeichen wie dem Hanky-Code hin zu offener, öffentlicher Sichtbarkeit. Auch die Entpathologisierung trieben Lederaktivisten voran: Ab 1987 setzten sich Männer wie Race Bannon und Guy Baldwin für die Streichung von BDSM aus dem Diagnosehandbuch DSM ein – mit Erfolg, denn das aktuelle DSM-5 schließt einvernehmliches BDSM von einer Diagnose aus (Wikipedia: Leather subculture).


Die Gegenwart: Seite an Seite, miteinander und nebeneinander

Damit schließt sich der Kreis zur eingangs beschriebenen Debatte. Wer heute fragt, ob Kink auf die Pride „gehört", verkennt, dass beide nie getrennt waren. Die medizinhistorische Forschung beschreibt das Spannungsfeld der Lederszene treffend als „vulnerables Projekt, durch ‚Respektabilität' um Akzeptanz zu kämpfen und zugleich die Individualität und ‚Andersartigkeit' der Leder- und Fetischkultur zu bewahren" (Klein, Visualizing BDSM and AIDS Activism, Journal of the History of Medicine and Allied Sciences, Oxford University Press, 2023).


Heute existieren Kink und queere Identität sichtbar nebeneinander und miteinander: Die meisten großen Pride-Paraden haben einen festen Leder-Block; die Leather Pride Flag weht neben der Regenbogen- und der Trans-Fahne; Veranstaltungen wie Folsom oder das Easter Berlin Leather Festival sind feste Bestandteile des queeren Kalenders. Homosexualität, Transidentität und Kink teilen eine gemeinsame Geschichte der Verfolgung, der gegenseitigen Fürsorge in der AIDS-Krise und des gemeinsamen Kampfes um Sichtbarkeit.


Die Lehre der Geschichte ist eindeutig: Von den etruskischen Gräbern über die Molly Houses und Krafft-Ebings Diagnosen bis zu Stonewall, Samois und der Folsom Street waren Homoerotik, Transidentität und Kink immer miteinander verwoben – verfemt von denselben Mächten, geschützt von denselben Gemeinschaften. Sie existieren nicht zufällig nebeneinander, sondern weil sie zusammengehören. Seite an Seite, miteinander und nebeneinander – so war es schon immer.


Wichtige Quellen

 
 
 
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