Hausarrest und Festnahmen in der Türkei für das, was wir in Berlin (noch) auf der Straße offen feiern
Die Türkei-Razzien und ShibariTurkey
Berlin hat am Wochenende Folsom gefeiert. Auf der Fuggerstraße standen queere Menschen aus aller Welt in Leder, Latex und Gear, mitten in Schöneberg, bei Tageslicht. Ein paar Leute beschwerten sich, dass die Regeln etwas strenger waren, sei es aus Sicherheit, Schutz der Anwohner und leider sehr wahrscheinlich auch, weil sich der politische Wind in Berlin etwas ändert.
Aber am selben Samstag durchsuchte die türkische Polizei in 15 Provinzen 38 Adressen: Vereinsbüros, Arbeitsplätze, Wohnungen.
Was passiert ist
Die Operation läuft unter dem Namen „Meine Familie ist sicher“. Nach Angaben des Justizministers wurden Verfahren gegen 162 Personen, 9 Vereine und 13 Unternehmen eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft Istanbul spricht von 26 Festnahmen, die Organisation Kaos GL von mehr als 50. In Ankara drang die Polizei in die Räume von Kaos GL ein und nahm Vorstandsmitglieder fest. Die Social-Media-Konten Dutzender Organisationen wurden gesperrt. In Istanbul traf es auch eine Gay-Bar, einen Club und ein Männer-Hamam.
Die Vorwürfe: Prostitution, Obszönität, Beeinflussung Minderjähriger. Das erklärte Ziel laut Staatsanwaltschaft: verhindern, dass diese Aktivitäten in der Gesellschaft „als normal angesehen werden“.

„Meine Familie ist sicher“
Der Name der Operation ist Programm. Präsident Erdoğan hat 2026–2035 zur „Dekade der Familie und Bevölkerung“ erklärt; Justizminister Gürlek beruft sich auf den „Schutz von Kindern, der Institution Familie und der sozialen Ordnung“.
Wer die Familie schützt, muss vorher definieren, welche Familie gemeint ist….
Eine (queere) Familie ist hier leider alles andere als sicher. Familienmodelle werden ihrer Vielfalt beraubt. Normiert auf einen Standard, den die Regierung vorgibt.
Zur Einordnung: Die Operation ist familienpolitisch und nationalistisch gerahmt und anscheinend wohl nicht religiös, auch wenn dies sicher in dem Bereich Anhänger finden wird.
Der Fall ShibariTurkey
Über eine Shibari Gruppe bin ich auf den FetLife Artikel (https://fetlife.com/shibariturk/posts/14479361) von ShibariTurkey aufmerksam geworden, einem Rope-Kollektiv aus Istanbul. Nach eigener Darstellung auf FetLife laufen gegen sie seit Jahren vier Ermittlungsverfahren wegen Obszönität. Tage vor der Großrazzia wurde ihre Wohnung durchsucht, Geräte beschlagnahmt, dann Hausarrest verhängt. Während des Hausarrests kam die Polizei erneut. Gesucht wurden diesmal Drogen und Regenbogenflaggen.
Ein Mitglied der Gruppe, auf FetLife als @Jjanet bekannt, wurde nach Ankara überstellt und sitzt in Untersuchungshaft. Die anderen dürfen die Wohnung nicht verlassen und können ihr nicht beistehen.
Diese Angaben stammen aus dem Post des Kollektivs. Unabhängig bestätigt sind sie nicht; die zeitliche Deckung mit der Operation ist plausibel, mehr lässt sich derzeit nicht sagen.
Ein Shibari-Kollektiv und ein Menschenrechtsverein laufen unter denselben Paragrafen; Regenbogenflaggen und Drogen… „Obszönität“ erfasst Kunst, einvernehmliche Praxis, Privatleben. Fotos, Profile und Festplatten werden zu Beweismitteln.
Das Kollektiv bittet die internationale Shibari- und BDSM-Community um drei Dinge: Sichtbarkeit, Nachfragen zum Verfahren, juristische und zivilgesellschaftliche Solidarität. Wörtlich: „We need this process to remain visible.“
Der Instagram-Post der Gruppe: https://www.instagram.com/p/DdNTJdrCqY0/
Kaos GL
Kaos GL existiert seit 1994 und wurde 2005 als erster LGBTQ-Verein der Türkei eingetragen. Der Istanbul Pride ist seit 2015 verboten; 2022 wurden dabei über 360 Menschen festgenommen. Die Razzien vom Wochenende sind der bisher größte Schritt, kein neuer Kurs.
Meine Meinung
Ein queerer oder kinky Mensch und dessen Sichtbarkeit ist niemals eine Gefahr für eine Familie, die einander wertschätzt und respektiert. Menschen, die so sind, wie sie sind, werden sich so entwickeln können, wie sie sich entwickeln sollten, vor allem dann, wenn sie frühzeitig verstehen, dass es nicht nur ein Modell gibt, sondern dass es viele Möglichkeiten gibt und jede gleich viel Wert ist. Wer also alle Familien und die gesamte Bevölkerung schützen will, muss die ganze Vielfalt an Familien schützen und nicht nur diejenigen einer Normvorstellung.
2026 ist das erste Jahr der “Dekade der Familie und Bevölkerung”. Familien und die Bevölkerung in der Türkei können sich also auf 10 Jahre Diskriminierung, Einschüchterung und Unterdrückung gefasst machen. Aber vielleicht ist es auch mal wieder nur eine Ablenkung, um von Staatsversagen anderer Stelle abzulenken… Das muss jeder selbst entscheiden, wo er gerade vielleicht noch hinschauen sollte.
Quellen:
Viele Festnahmen bei Razzien gegen LGBTQI+-Vereine in der Türkei – https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-09/tuerkei-razzien-lgbt-aktivisten-kaos-gl-gxe
ENOUGH IS ENOUGH (ShibariTurkey) – https://fetlife.com/shibariturk/posts/14479361
Türkei: Razzien bei queeren Organisationen und Clubs – https://www.queer.de/detail.php?article_id=59538
Türkei: Razzien und Festnahmen bei LGBTQ-Organisationen – https://orf.at/stories/3442046
More than 300 LGBTQ activists in Istanbul are released after being detained – https://www.npr.org/2022/06/27/1107752526/more-than-300-lgbtq-activists-in-istanbul-are-released-after-being-detained
FOLSOM Europe e.V. – https://folsomeurope.berlin/

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